Ist Weihnachten süß oder sauer?

In den letzten sechs Jahren war die Weihnachtszeit emotional sehr intensiv
geprägt. Auch dies ein Aspekt der Menschen, die wie ich im Exil leben. Mittlerweile ist diese Intensität von Jahr zu Jahr geringer geworden. Über den Grund denke ich nun wieder nach. Dennoch ist meine alljährliche Bereitschaft zu dieser Gelegenheit, die zur Gewohnheit geworden ist, nicht, dass ich auf die Weihnachtszeit pawlowhaft reagiere. Der Grund hat auch nichts mit meinem schwindenden Zugehörigkeitsgefühl zu meinem Land zu tun. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass seit meiner Ankunft in diesem neuen Land ein neues Weihnachten mit seinen festlichen Ritualen in meinem Geist und meiner Seele keimt. Es ist genau dieses Ineinandergreifen zweier Erinnerungen, die Weihnachten einen süßen ‘Geschmack’ verleihen, die es erträglicher, leichter und noch angenehmer machen als zuvor. Wir haben also zu Hause unsere syrischen Traditionen des Weihnachten Feierns beibehalten und die deutschen hinzugefügt. Das Ergebnis ist großartig: eine „aktualisierte“ Version von Weihnachten, die zu unseren „aktualisierten“ Gefühlen und unserem Selbst in der aktuellen Realität passt.

Die weihnachtliche Atmosphäre war jedoch irgendwie ansteckend. So erzählten mir ein paar meiner muslimischen Klassenkameraden, dass ihre Eltern es erlauben würden, einen Weihnachtsbaum zu Hause zu haben, aber nicht zu Weihnachten, sondern zu Silvester! Andere sagten noch, dass sie Geschenke vom Weihnachtsmann bekamen, aber natürlich am Neujahrstag! Na ja, egal warum und wann. Gut, dass die Weihnachtsstimmung und die Freude an simplen Dingen zu spüren waren. So zumindest von allen Kindern in unserer Nachbarschaft, für die die Welt in den 1990er Jahren noch nicht globalisiert war und die traditionellen Feste damals noch nicht so kommerzialisiert waren, wie sie es heute sind, besonders in Ländern wie z.B, Deutschland, in denen kein Krieg wütet.

Der Weihnachtsbaum ist auch ein auffälliges Detail des Unterschieds zwischen Syrien und Deutschland in der Weihnachtszeit. Im ironischen Sinn finde ich, da wir wahrscheinlich politisch an Veränderung und Erneuerung nicht gewohnt waren und sind, hatten wir früher nur einen künstlichen Tannenbaum, der das Leben mit uns zu Hause teilte. Verpackt das ganze Jahr in der Dachkammer, freute sich der Weihnachtsbaum, das Licht wieder zu sehen. Dieser wurde im Dezember geschmückt und in der prominentesten Ecke des Wohnzimmers platziert. Die Deutschen hingegen, wechseln lebende Tannenbäume, zwar nicht wie ihre KanzlerInnen!, sondern jährlich, wahrscheinlich wie ihre Autos, Wohnungen und Küchen? Oder ist das ist ein Vorurteil?

Die Tradition des Adventskranzes finde ich besonders. Licht ist sowieso die Essenz von Weihnachten. Der Adventskalender ist auch eine Ergänzung zu unserem heutigen Weihnachten. Das Zählen der Tage bis Heiligabend erscheint jedoch, im Prinzip, wie das Zählen der Fastentage in der Tradition der orthodoxen Kirche. Im Gegensatz zu den meisten meiner SchulfreundInnen fastete ich nie, da meine Mutter schon immer an einer Erkrankung leidet, sodass sie keine Hülsenfrüchte und eiweißfreie Nahrung essen kann.

An diesen Tagen rufe ich meine Mutter an und frage nach den Rezepten für Weihnachtskekse (kuras, Kliedja in Nord Syrien). Sie antwortet streng: “Jedes Jahr fragst du danach, speichere es doch einfach irgendwo.” Wir lachen laut miteinander. Mir macht es jedes Jahr Freude, diese Frage zu wiederholen, damit wir beide eine Verbundenheit mit dem Weihnachtsfest spüren und uns an die Tage erinnern, als ich ihr in der Küche half. Die Zutaten Mehl, Zucker, Ghee, Fenchel, Mahlab (Keimling aus dem Kern der Felsenkirsche) oder stattdessen Kardamom, Zimt, Muskatnuss und Anis fliegen in Form von Radiowellen durch die Luft und erreichen meine Ohren. Im Bruchteil einer Sekunde durchqueren die Gewürze zwei Kontinente und reisen rund 4000 km. Ich kann sehen, wie Vasco da Gama und all seine Gefährten sich im Grabe umdrehen, da die Geschichte der Entdeckung der Gewürze das Schicksal vieler Länder veränderte. So kam es mir plötzlich in den Sinn, an die Geschichte des Kolonialismus und der menschlichen Ausbeutung und des Elends zu denken, nur indem ich nach einem Rezept für Weihnachtskekse fragen wollte! Verrückt, nicht wahr! Aber wahrscheinlich werden so Brücken zwischen zwei Zeiten, zwei Räumen, zwei Ländern und zwei Realitäten gebaut.

Als ich mit dem Backen der Kekse fertig war, wurde mir klar, dass es nicht die Zutaten sind, die die Kekse schmackhaft machen, sondern die Erinnerung an die Person, die sie zubereitet. Deshalb finde ich die Kekse meiner Oma immer noch fluffiger und leckerer als die meiner Mutter und die Kekse meiner Mutter sind immer besser als meine. Na ja, „zumindest haben wir sie hier“, sagt meine Tochter. Als Antwort auf ihren Kommentar bestätige ich jedoch: „Ja, sie sind syrisch-deutsche Kekse, nur eigene Art“. Außerdem backen wir oft Plätzchen, die nach den Rezepten ihrer jetzigen Schule gemacht werden.

Ich erinnere mich, dass mein Vater seine beste Weinflasche für den Heiligabend aufbewahrte. Von seinen beiden Traubenfeldern (schwarz und weiß), ein Erbe seiner Großväter, presste er und presst noch jährlich eine kleine Menge für die jährliche Feste und verkauft den Rest an die nahe gelegene Getränkefabrik. Mein Vater ist immer stolz auf die Qualität seines handgemachten Weines, der besonders ist: mal sauer, mal süß. Heute würde man über die verschiedenen Regionen und Weinreben rätseln, welcher schmeckt am Besten!? Übrigens, der Glühwein ist eine Ergänzung zum Weihnachtsgeschmack, ebenso wie der Punsch für die Kinder, die wir beide aus Syrien nicht kennen.

Wann genau der mit Reis gefüllte Truthahn der Hauptgast unseres Weihnachtsbanketts wurde, weiß ich nicht. Das bekannte Thanksgiving Truthahn Abendessen war bereits Teil der Weihnachtsfeste vieler syrischer Familien. Meine Mutter sagte, dass die Wurzeln der Tradition in Syrien wahrscheinlich von den Christen stammen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Nord- und Südamerika auswanderten, um den Seferberlik zu entkommen (Seferberlik: erzwungene Aufnahme der besetzten Völker: Araber, Kurden, usw. in die osmanische Armee, um im Balkan- und im Ersten Weltkrieg zu kämpfen). Obwohl die meisten von ihnen verschwanden, bzw. unterwegs starben, und die Überlebenden in ihren neuen Ländern dahinschmolzen, wurden Geschichten von ihren Reisen und die seltenen Nachrichten von ihren Enkelkindern erzählt und wieder erzählt. Mein Bruder vereinfachte das Thema: Er sagte: „Die amerikanischen Filme haben die Tradition über die ganze Welt verbreitet, nimm es einfach hin“. Einfach, leicht, und friedvoll soll Weihnachten gefeiert werden – eine Zeit im Jahr, die alte Erinnerungen weckt und mit neuen Erinnerungen auffüllt. Zusammen können diese Erinnerungen einen einzigartigen Geschmack haben, einen eigenen, oft süß UND sauer.

Frohe Weihnachten!

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